Kontakt mit Flüchtlingen: Sigmar Gabriel kam, sah und war betroffen

 Vize-Kanzler bei Flüchtlingen in Gießen – „Off limits“ für Medienvertreter

 

Vize-Kanzler nach dem Besuch bei den Flüchtlingen in Gießen mit Hessische Sozialminister Stefan Grüttner und Regierungspräsident Lars Witteck, beide CDU sowie der heimische Bundestagsabgeordnete Rüdiger Veit und der Gießener Landtagsabgeordnete Gerhard Merz, beide SPD.

Vize-Kanzler nach dem Besuch bei den Flüchtlingen in Gießen mit Hessische Sozialminister Stefan Grüttner und Regierungspräsident Lars Witteck, beide CDU sowie der heimische Bundestagsabgeordnete Rüdiger Veit und der Gießener Landtagsabgeordnete Gerhard Merz, beide SPD.

GIESSEN (rg), Vize-Kanzler Sigmar Gabriel war in Gießen. Aus der 500 Kilometer entfernten Bundeshauptstadt Berlin war er an diesem Donnerstag im August 2015 gekommen, um Deutschlands größtes Flüchtlings-Camp entlang der Rödgener Straße zu besuchen. Rund 5.000 Menschen leben dort aktuell in den Häusern und dem Gelände, in denen bis 2008 die GI`s der US-Army im so genannten Depot lebten und für ihren Einsatz in Afghanistan und Irak trainiert wurden. Viele der neuen Bewohner sind dort mittlerweile in Zelten untergebracht. Das Camp platzt aus allen Nähten. Im Beamtendeutsch wird es offiziell als „Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge“ (HEAE) bezeichnet, deren Zentrale im Meißenbornweg beheimatet ist. Jetzt ist auch das ehemalige Baseball-Feld bereits mit ersten großen Zelten belegt, daneben steht noch die verwitterte Baseball-Anzeige „Home – Visitors – Strike“ – ohne Resultat. Vor dem ehemaligen Alpine-Club wird nicht mehr gefeiert, auch dort stehen die Zelte. Von den Flüchtlingen zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke wehen im lauen Sommerwind. Die Kriegsfolgen sind in Gießen angekommen. 

Die Medien fragen nach: Sigmar Gabriel noch Betroffen von seinem Besuch im Gießener Flüchtlings-Camp

Die Medien fragen nach: Sigmar Gabriel noch betroffen von seinem Besuch und Eindrücken im Gießener Flüchtlings-Camp.

Eine lange Schlange von geduldig wartenden Menschen hat sich vor einem der Gebäude gebildet. Vielleicht warten sie auf ihr Essen. Ich kann sie nicht fragen. Der Versuch an diesem Tag mit dem Personal von „Ponds Security“ Kontakt aufzunehmen wird erst einmal mit dem Hinweis vereitelt: „Gehen Sie zurück hinter die Zeichen!“. Meine Frage „Welche Zeichen und warum!?“ kann mir der sichtlich verunsicherte Wachmann mit norddeutschen Zungenschlag nicht beantworten, denn es gibt keine Zeichen. Sein Kollege springt ihm zur Seite und gibt zu verstehen, dass es kein Problem sei hier zu stehen. Ein kurzes, freundliches Gespräch entsteht, die Situation ist gerettet. Es ist wohl nicht einfach, hier seinen Dienst zu versehen.

Hier wurde bis 2008 von den US-Amerikanern noch Baseball gespielt. Jetzt stehen hier Zelte für die Flüchtlinge bereit.

Hier wurde bis 2008 von den US-Amerikanern noch Baseball gespielt. Jetzt stehen hier Zelte für die Flüchtlinge bereit.

Währendessen ist ein reger Verkehr mit Mini-Cars, Pizza-Express-Flitzern und Kleintransportern in und aus dem Camp im Gange. Man kennt sich und wird freundlich durch gewunken, manche müssen den Laderaum öffnen. Die Kameraleute verändern ständig ihre Position um den Verkehr durchzulassen. Flüchtlinge müssen den anderen Bereich im Camp benutzen und werden weg geschickt. Die Medienvertreter beobachten den Verkehr gelangweilt. „Wir dürfen nicht rein“ so ihre Aussage, „außer ein RTL-TV-Team“ sagt ein anderer. Die, die drin sind dürfen rein und raus. Medienvertreter eben nicht. „Off Limits – Zutritt verboten“ könnte es am Eingang zum Camp heißen. Totale Kontrolle und ein wenig geheimnisumwittert, so war es schon bei den Amis nach dem 11. September 2001 in Gießen.

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Kein Flüchtling zu sehen.

Alle warten auf „Sigi“, der schon drin ist. Der kommt später raus als geplant, denn es gibt wohl viel zu sehen und eben auch von den Flüchtlingen einiges zu hören. Das Tor öffnet sich, langsam kommt er, im Gefolge der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner und Regierungspräsident Lars Witteck, beide CDU sowie der heimische Bundestagsabgeordnete Rüdiger Veit und der Gießener Landtagsabgeordnete Gerhard Merz, beide SPD. Die Kameras surren leise, das klicken der Digitalfotokameras ist lauter.

 

Gedacht wird zunächst dem Sozialdemokraten Egon Bahr, der am Donnerstag im Alter von 93 Jahren gestorben ist. „Wandel durch Annäherung“ war seine Devise, die nach wie vor aktuell ist. Themenwechsel mit schwarzen Trauer-Schlips: Flüchtlinge. „Die größte innenpolitische Herausforderung für Deutschland“ sagt Gabriel zum Flüchtlingsstrom nach Europa mit Hauptziel Deutschland. Es werden 800.000 Menschen von der Bundesregierung in diesem Jahr prognostiziert, teilt er mit, die Meisten aus dem Bürger- und Glaubenskriegsgebieten in Syrien.10 Milliarden Euro Kosten für die Flüchtlinge rechnet die FAZ, nach 3 Milliarden 2004, liest man im Internet. Keiner weiß es wohl genau. Die Aufnahmebereitschaft sinkt, wenn Kindergärten und Schulen zu kurz kommen, mahnt Gabriel. Die Neuankömmlinge konsumieren ja auch, rechnen andere dagegen. Sechs Monate waren einzelne Frauen und Männer unterwegs, haben sie Gabriel berichtet. „Alles besser hier im Lager, als der Krieg.“

Integration soll sein. „Eine nationale Aufgabe für alle“ so der SPD-Chef weiter. Entlastung für Städte und Kommunen fordert er, denn sonst könnte die Integration schief gehen. Am Kabinettstisch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem bayrischen CSU-Chef Horst Seehofer scheint es dafür keine Mehrheit zu geben, denn die Forderung ist nicht neu. Er mahnt schnellere Asylverfahren an und will die Frühverrentung bei der Bundeswehr stoppen. Die Soldaten sollen dann in den Lagern helfen. Inzwischen wartet schon ein Reisebus mit neu angekommenen Flüchtlingen auf die Einfahrt in das Camp in der ehemaligen US-Kaserne.

Fragen über Fragen. Die Journalisten wollen es von Sigmar Gabriel genau wissen, denn sie mussten draußen bleiben.

Fragen über Fragen. Die Journalisten wollen es von Sigmar Gabriel genau wissen, denn sie mussten draußen bleiben.

Die Medienvertreter haben noch Fragen, denn ihre Satellitenübertragungswagen warten auf Bilder und Antworten. „Es läuft was falsch im System“ sagt Gabriel. Den Gießener dankt er für deren bisherige Fairness und Anstand, trotz dieser Herausforderung. „Mumm“ bescheinigt er dem Heuchelheimer Weltstar Til Schweiger, den er unterstützt in seiner Aktion für die Flüchtlinge. Mutmacher brauchen wir mehr.

 

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