„Mehr Chance als Last!“ Gemeinschaftsunterkunft kommt nach Garbenteich

Bürgerversammlung mit optimistischen und kritischen Tönen – Anmerkungen 
Der zuständige Kreisbeigeordnete, Dirk Oswald, erläutert den Garbenteichern die Situation der geplanten beiden Gemeinschaftsunterkünfte für bis zu 40 Flüchtlinge in der Watzenborner Straße. Links im Hintergrund Bürgermeister Udo Schöffmann und Pfarrer Hermann Wilhelmy von der Flüchtlingseelsorge und die Koordinatorin für ehrenamtliche Flüchtlingsbegleitung, Katharina Schuh. Rechts ganz außen der Betreiber der Gemeinschaftsunterkunft, Christian Zahner.

Der zuständige Kreisbeigeordnete, Dirk Oswald, erläutert den Garbenteichern die Situation der geplanten beiden Gemeinschaftsunterkünfte für bis zu 40 Flüchtlinge in der Watzenborner Straße. Links im Hintergrund Bürgermeister Udo Schöffmann und Pfarrer Hermann Wilhelmy von der Flüchtlingseelsorge und die Koordinatorin für ehrenamtliche Flüchtlingsbegleitung, Katharina Schuh. Rechts ganz außen der Betreiber der Gemeinschaftsunterkunft, Christian Zahner.

POHLHEIM/MITTELHESSEN (rge/ger/rg), „Haben Sie bemerkt, dass bereits 400 Flüchtlinge in Pohlheim leben und darunter 40 Kinder die Schule besuchen?“ fragte Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann an die Zuhörerinnen und Zuhörer der Bürgerversammlung zum Thema geplante Gemeinschaftsunterkünfte in Garbenteich gerichtet und gab die Antwort darauf gleich selbst: „Nein!“. Er reagierte damit auf Ängste, die Bürger in der Fragerunde geäußert hatten. Es habe noch keinerlei Probleme gegeben, unterstrich er. Wie überall gebe es gute und schlechte Menschen und widersprach damit vehement pauschalen Aussagen, die vor allem gegenüber Muslimen ausgesprochen wurden. Der erste Kreisbeigeordnete Dirk Oßwald bestätigte dies aus seinen bisherigen positiven Erfahrungen und erläuterte im Plenum mit weiteren Vertretern der Landkreis-Behörde, der Diakonie Gießen mit deren Leiter Holger Claes und der Koordinatorin für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe Katharina Schuh, Pfarrer Hermann Wilhelmy von der Flüchtlingsseelsorge, Garbenteichs Ortsvorsteher Hartmut Lutz, dem evangelischen Ortspfarrer Andreas Specht und dem Betreiber der ersten geplanten Unterkunft im Stadtteil, Christian Zahner, die geplante Unterbringung in der Mitte Oktober ersten bezugsfertigen Gemeinschaftsunterkunft im Watzenborner Weg in Garbenteich. Dann werden rechtzeitig vor dem Winter bis zu 16 Flüchtlinge ein festes Dach über ihren Köpfen haben. Noch einmal 24 Menschen können im Nachbargebäude unterkommen. Insgesamt sind das bis zu 40 Flüchtlinge in Garbenteich, die neben 12 in Watzenborn-Steinberg in Pohlheim in Gemeinschaftsunterkünften leben werden. Mit dem Besitzer steht der Landkreis laut Oswald noch in Verhandlungen. Viele Fragen wurden gestellt, insbesondere zu Möglichkeiten in der ehrenamtlichen Hilfe für die ankommenden Menschen.

 

"Bis zu 40 Flüchtlinge kommen nach Garbenteich" Mehr als 200 Bürgerinnen und Bürger waren zu der Bürgerversammlung in der Sport- und Kulturhalle gekommen. Die Pohlheimer wollten hören, wo die beiden geplanten Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge entstehen und wie viele Flüchtlinge sie in ihrem Stadtteil erwarten können.

„Bis zu 40 Flüchtlinge kommen nach Garbenteich“ Mehr als 200 Bürgerinnen und Bürger waren zu der Bürgerversammlung in der Sport- und Kulturhalle gekommen. Die Pohlheimer wollten hören, wo die beiden geplanten Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge entstehen und wie viele Flüchtlinge sie in ihrem Stadtteil erwarten können.

Flüchtlingsseelsorger Hermann Wilhelmy sprach zu Beginn die Ausgangssituation der Flüchtlinge an, die vom Fluchtort meist spontan aufgrund Kriegs- oder Verfolgungssituation aufgebrochen seien. Vor Ort in der Region sei dann die Hessische Erstaufnahmeinrichtung im Gießen Anlaufstation. Das DRK und ehrenamtliche Helfer seien Tag und Nacht vor Ort, weil immer neue Flüchtlinge vor den Toren stehen. Vor allem die massenhafte Unterbringung auch in Zelten bringe Probleme augrund der Enge mit sich, wie jüngst durch Massenschlägereien in anderen Unterkünften von denen die Medien berichteten. Die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Hilfe sei grundsätzlich da. Die Mehrheit der Bürger könne die Situation der Flüchtlinge verstehen und nachvollziehen. Es gebe allerdings auch vermehrt Vorbehalte aufgrund der Größenordnung. Weit über 20.000 Menschen seien mittlerweile in Hessen untergebracht, stündlich verändern sich die Zahlen. Bis zu 1.500 kommen wöchentlich dazu, die verteilt werden müssen. Hessen sei mit der Quote von 7,5 Prozent Flüchtlingszuweisung noch im unteren Teil angesiedelt. Sie werden in den Erstaufnahmeeinrichtungen ärztlich untersucht, erkennungsdienstlich erfasst, erhalten Essen, einen Schlafplatz und weitere Versorgung. Grundlage bis zur endgültigen Entscheidung im Asyl sei das Grundgesetz Artikel 15 und die Genfer Flüchtlingskonvention die weder nach Religionszugehörigkeit noch nach Herkunft unterscheide.

 

Dirk Oßwald bestätigte die weiter steigende Tendenz bei den Flüchtlingen. So wurden 2011 28 Menschen vom Sozialamt des Landkreises betreut, aktuell sind es 1.800 Frauen, Männer und Kinder. Diese gesellschaftliche Aufgabe gelte es gemeinsam mit Städten und Gemeinden zu bewältigen. Bewusst werde auf Unterkünfte in Zelten, Containern, Sporthallen und Bürgerhäusern bisher verzichtet und die sozialverträgliche Lösung gesucht. Maximal 50 Flüchtlinge als Obergrenze, hat sich der Landkreis bei den Gemeinschaftsunterkünften gesetzt. 17 Gemeinden von 104 Dörfern im Landkreis hätten bisher solche Unterkünfte. Gesucht werden von seinem Dezernat dringend weitere Häuser. Dort werden die Flüchtlinge 3-6 Monate untergebracht, bevor sie in Privatwohnungen umziehen können. Professionell Sozialarbeiter vom Landkreis kümmern sich vor Ort um die Menschen.

 

Das macht auch Christian Zahner als Betreiber der Gemeinschaftsunterkunft in Watzenborn-Steinberg und jetzt bald in Garbenteich. Er sorgt dafür das die Immobilie in Schuss ist und die Ausstattung mit Möbeln und Geräten zur Verfügung steht erläuterte er auf Nachfrage.

 

In Sprachkursen sieht der Landkreis den Schlüssel zur Integration der Flüchtlinge, egal ob sie bleiben oder Deutschland wieder verlassen müssen. Als Helfer in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe oder als Ein-Euro-Jobber hat der Landkreis schon erste Möglichkeiten gefunden, Flüchtlinge zu beschäftigen. Das Beschäftigungsverbot für sie, sieht Oßwald kritisch und fordert deren Abschaffung. Gefragt nach den Kosten, erläutert er, dass die Flüchtlinge Zahlungen nach Hartz 4-Sätzen erhalten. Das bedeutet, dass ein Erwachsener 399 Euro und jedes Kind um die 200 Euro im Monat für den Lebensunterhalt gezahlt bekommen plus Wohnung. „Das zahlt der Landkreis“ so Oswald. 5 Millionen Euro wurden im Haushalt eingestellt, für den Rest kommt das Land auf. Seine Forderung: „Volle Kostenerstattung durch Bund und Land.“

 

Kritisiert wurde von einer Bürgerin die „moralische Keule“, die über die Diskussionen zur Flüchtlingssituation schwebt mit der Befürchtung, dass Konflikte hier her exportiert werden. „Das sind Menschen die hier ankommen. Ich war selbst Flüchtling.“ erwiderte Cever Tan, der Ausländerbeauftrage Pohlheims, auf die Frage wie er die Situation beurteilen würde.

 

Mehr als Chance, denn als Last sahen viele der Bürger die Situation in der Bürgerversammlung. Eine Krankenschwester berichtete von ihren Ängsten, die sie mit den Worten „Heilung durch handeln“ bekämpft habe. Im Meisenbornweg als ehrenamtliche Helferin habe sie die Menschen erlebt. „Die bringen was Gutes mit.“ sagte sie und sprach sich dagegen aus, Ängste zu schüren.

 

Auf die Frage „Was kann man tun?“ antwortet Diakonie-Leiter Holger Claes, dass die Hilfe in sprachlicher Unterstützung, beim Einkaufen, im Umgang mit Elektrogeräten, beim Arztbesuch oder ersten Kontakten im Umfeld mit Vereinen und beim Sport wichtig seien. Ein erster Termin für Interessierte zur ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in Garbenteich steht schon für Donnerstag, den 8. Oktober 2015 um 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in der Römerstraße fest. Er rief mit allen Verantwortlichen dazu auf mitzuhelfen.

 

Auf die Frage, wie lange das kleinteilige System der Gemeinschaftsunterkünfte Aufrecht erhalten werden kann, sagte Oßwald: „Ich weiß es nicht. Es ist noch viel Leerstand im Landkreis und wir suchen weiter mit Hilfe unseres Immobilien-Managers nach Objekten.“

 

Anmerkung: Die Bürgerversammlung fand am 29. September 2015 statt, der Artikel wurde am 1. Oktober 2015 in der Gießener Allgemeinen veröffentlicht. Zwei Wochen später werden Zelte auf Festplätzen im Landkreis Gießen errichtet für Kapazitäten mit  jeweils bis zu 200 Flüchtlinge für einen angekündigten Zeitraum von bis zu maximal sechs Monaten. In Pohlheim ist das Haus „Herbstzeitlose“ für minderjährige Flüchtlinge wieder Thema bei Verhandlungen mit den Besitzern, weitere Unterbringungsmöglichkeiten sind im Gespräch.  Abertausende Flüchtlinge stehen vor den Grenzen Deutschlands. Erster Schnee kündigt den bevorstehenden Winter an. Wie es weiter geht, kann kein Politiker den Bürgern beantworten. Deutschland blickt auf erwartete Entscheidungen von Kanzlerin Angela Merkel im fernen Berlin und wartet…

Ehrenamtliche und hauptamtliche Frauen und Männer der Hilfsorganisationen und den Behörden im Landkreis tun ihr mögliches und helfen derweil weiter im täglichen Einsatz den Menschen vor Ort. 

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