Heimatstuben-Ausstellung: Alte Poesie-Alben dokumentieren Zeitgeist

vlnr. Hannelore Schmandt und Birgit Kolmer vom Heimatstuben-Team stellten die Poesialben bei der Eröffnung den Besuchern vor

Birgit Kolmer mit Klaus Herrmann, der das älteste Poesie-Album aus dem Jahre 1896 bei der Ausstellungseröffnung übergab

POHLHEIM, WATZENBORN-STEINBERG (rge/ger/rg), 02.05.10 – Das Poesie-Album mit dem bisher ältesten Eintrag vom 3. August 1896 übergab noch während der Eröffnung der Ausstellung „Poesie-Alben im Wandel der Zeit“ der Watzenborn-Steinberger Klaus Herrmann in der Pohlheimer Heimatstube an die Mitglieder des dortigen Ortsvereins der Heimatvereinigung Schiffenberg. Birgit Kolmer und Hannelore Schmandt vom Heimatstuben-Team freuten sich über dieses und weitere geschichtshistorische Poesiealben, die sie in den letzten Wochen von Pohlheimer Bürgern und Bürgerinnen für die Ausstellung erhielten und damit nun der Öffentlichkeit zugänglich machen konnten. Seit Samstag, 1. Mai sind nun bis Ende Mai jeden Sonntag von 15 bis 17 Uhr damit 32 Beispiele aus der Welt der Poesie-Alben aus den Jahren von 1896 bis 1987, mit ihren persönlich gereimten, hübsch ummalten und bebilderten Zitaten und Versen im großen Ausstellungsraum, zu sehen.

Hannelore Schmandt und Birgit Kolmer im Interview bei der Ausstellungseröffnung

Unverändert und damit Zeitlos standen damals, wie heute die Wünsche und tugendhaften Lebensratschläge des Schreibers an den Albenbesitzer für Lebensglück in mehr oder weniger gelungener Reimform im Mittelpunkt. Der Goethe-Vers „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ war über alle Zeiten einer der meistgeschriebenen Zitate-Klassiker, wie Birgit Kolmer auch bei der Sichtung der Pohlheimer Poesie-Alben beobachteten konnte. Gereimtes zu Liebe und Leben der deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller waren dabei schon immer beliebt, wie später auch die Sprüche von Heinz Erhardt. Birgit Kolmer hat bei der Sichtung und Zusammenstellung der Poesiealben einige weitere interessante Feststellungen gemacht. Im 16. Jahrhundert entstand zunächst die Tradition den Ahnen einen Spruch in das Stammbuch zu schreiben, stellte sie bei Nachforschungen fest. Danach entwickelte sich im 19 Jahrhundert  der Brauch in literarischen Zirkel fort, zunächst in der Erwachsenenwelt. Das Poesie-Alben-Fieber erfasste dann aber auch die jüngeren Jahrgänge im Alter von überwiegend 9 bis 11 Jahren. Die Einträge veränderten sich im Lauf der Zeiten, vor allem dann wenn Kriegs- und Notzeiten waren. So wurden im Nationalsozialismus die Sprüche heroischer, wie Kolmer feststellte. Aus dem „Kriegsjahr 1943“ ist aber auch in der Ausstellung zu lesen „Wenn dich die Stürme des Lebens umtoben. So richte vertraulich den Blick nach oben zu dem himmlischen Vater, der da spricht: „Rufe mich an, ich verlasse dich nicht.““ In Stalingrad hatte die Hitler-Armee gerade die erste große Niederlage erlebt, das Kriegsblatt wendete sich gegen Deutschland. In der Nachkriegszeit dominierten die Bibelverse, mit einer besonderen Sehnsucht nach Frieden und Gottvertrauen. Dann wurden auch die kleinen Bücher wieder bunter mit selbstgemalten Bildern, aber auch Scherenschnitte waren of zu sehen. Aufgebaut waren die Bücher, aber damals wie heute. Rechts stand der Spruch und links war ein eingeklebtes Bild oder die persönliche Zeichnung. Lediglich die Schriftart wechselte allmählich von der heute für die Jugend schwer lesbaren Sütterlin-Schrift in die bis heute gültige lateinische Schriftweise. In den 70er Jahren waren dann immer öfter die Helden aus Comics, TV und Sport im Bild zu sehen. Eine Lebensweisheit  in einem Album der 70er-Jahre wurde neben einem selbstgezeichneten Fußballer beim Torschuss dokumentiert: „Merke dir in jedem Fall, gleich dem Huhn im Hühnerstall, bist du noch so froh bewegt, gackre erst wenn`s Ei gelegt.“

Aber nicht nur Poesie-Alben, auch Kinderbücher dokumentieren in der jüngsten Heimatstuben-Ausstellung den Zeitenwandel. Vom Waldmärchen über den Wettlauf von Hase und Igel bis hin zu Kapitän Bläubär und Benjamin Blümchen zeigen sie den sich verändernden modernen Zeitgeist auch im Kinderzimmer. Seltene Hologrammpostkarten sind ebenfalls zu sehen. Knifflige Aufgaben beim Ratespiel unter dem Motto „Wer kennt wen?“ mit 79 historischen Schwarz-Weiß-Bildern wurden von einigen Gästen gelöst. Hierbei dürften die älteren Besucher eindeutig die besten Chancen zum Gewinn haben, die noch Ahnen und lebende Zeitgenossen aus früheren Jahren auf den Bildern erkennen. Die Ausstellung in der Heimatstube ist im gesamten Monat Mai, jeweils sonntags von 15 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Termine und Informationen gibt es bei Birgit Kolmer unter Telefon 06403/67264 oder bei Hannelore Schmandt unter Telefon 06403/690466. Beim Heimatstuben-Hoffest voraussichtlich Ende Mai werden auch die Gewinner vom „Wer kennt wen?-Ratespiel“ sowie der Siegerpreis, für das älteste Poesie-Album übergeben. Noch kann man teilnehmen.

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