Berkeley-Professor bezeichnet mittelhessische Geschichtsforscher als Helden

Kenneth A. Bamberger vor seiner Universität in Berkeley/Kalifornien mit dem Buch "Juden in Lich", dass er von seiner jüngsten Reise mit nach Hause nahm

POHLHEIM/FERNWALD (rge/ger/rg), „Sie sind stille Helden“ sagt der Professor von der renommierten University of California in Berkeley, Kenneth A. Bamberger über die Menschen die ihm bei seiner historischen Spurensuche nach seinen familiären Wurzeln in Mittelhessen geholfen haben. Der 43-jährige Senior-Professor, der in der US-Kaderschmiede angehende Juristen und Rechtswissenschaftler insbesondere in Presse- und Redefreiheit ausbildet und dort als Direktor die Abteilung für Jüdisches und Israelisches Recht, Wirtschaft und Gesellschaft leitet, ist auf seiner jüngsten Reise über den Atlantik bei seiner Ahnenforschung auf den Geschichts- und Familienforscher aus Fernwald, Hanno Müller, getroffen. Unter anderem dieses Treffen und die Einsicht in seine von dem in Steinbach lebenden ehemaligen Lehrer veröffentlichten Chroniken eröffneten Bamberger einen neuen Einblick in die Geschichte seiner Familie, die mit der Ausreise seines von den Nazi-Faschisten verfolgten Großvaters Fritz seines damals noch jungen Vaters Michael (17) und dessen Schwester Gabriele im Jahr 1939 mit auch seinem späteren und heutigen Leben in den USA seinen Anfang nahm.

 

Der aufgrund des erlebbar nahen Unheils für die Juden noch gerade rechtzeitig emigrierte Großvater, war ein bekannter und anerkannter deutscher Geisteswissenschaftler, Pädagoge und Journalist und hatte an der Berliner Hochschule von 1926 bis 1938 die Wissenschaft des Judentums gelehrt. In Berlin organisierte er auch bis dahin das jüdische Schulwesen. Bis zu seinem Tod 1984 erzählte er seinem Enkel oft über die schönen aber auch dunklen Zeiten für das jüdische Volk in Deutschland, sagt Bamberger.

 

Der Familienhistoriker Hanno Müller aus Fernwald beim Interview am 18. Mai 2012 in Steinbach

Wie tief verwurzelt das jüdische Leben in Deutschland bis in die kleinsten Orte auch in Mittelhessen war, wurde dabei nicht nur für Bamberger deutlich sondern auch bei seinen Recherchen für die Chroniken für Müller in Fernwald. In diesen Familienbüchern finden sich in ausführlichen Texten auch Informationen zur wirtschaftlichen Lage der Juden in den Heimatorten. Nach dem verlorenen Krieg wurden zunächst aus Scham oder Schuldgefühl, die Schicksale der andersgläubigen Frauen und Männer die Jahrhunderte Tür und Tür mit ihren Nachbarn wohnten, aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Bei Kaffeerunden und bei Familienfeierlichkeiten wurde das Thema weitestgehend verschwiegen. Was mit den ehemaligen Nachbarn wurde, die in das Fadenkreuz des Hasses der Nazis und ihrer Anhänger gerieten, war ein Tabuthema. Über das Schicksal der jüdischen Familien hörten die Nachfolgegenerationen, wenn überhaupt nur geheimnisvoll hinter vorgehaltener Hand. Hanno Müller ist einer derjenigen, die diese Geschichte der über Jahrhunderte integrierten Juden mit seiner Familienforschung mit Namen und Daten lebendig macht, würdigt so auch Bamberger. Erstmals aufgrund dessen

Kenneth A. Bamberger beim Besuch des jüdischen Friedhofs in Grüningen

Einladung und seinen Hinweisen in Mittelhessen, besuchten der US-Amerikaner gemeinsam mit dem Deutschen nun gemeinsam die jüdischen Orte der Trauer unter anderem in Grüningen, Gambach und Muschenheim. In Grüningen machten beide dann auch den Grabstein von dem am 15. Mai 1845 verstorbenen Vorfahren des Kaliforniers, dessen aus Holzheim stammenden Ururgroßvater Isaac Bamberger ausfindig. Zuvor hatte er auch in Gelsenkirchen das Grab seines Urgroßvaters gefunden. Die vorherige Geschichte war nicht leicht zu recherchieren, unterstreicht Müller. So waren die Juden erst ab 1876 in Standesämtern registriert, davor nur teilweise in Kirchenbüchern der beiden christlichen Konfessionen, die von Pfarrei zu Pfarrei recht unterschiedlich gut oder schlecht gepflegt wurden. Auch die noch vorhandenen Akten im Pohlheimer Stadtarchiv wurde mit deren Leiterin Dr. Nikola Stumpf eingesehen. So wurde Teil um Teil im Puzzle der Bamberger-Familiengeschichte zusammengesetzt. Festgestellt hatte der kalifornische Professor, das sein Urgroßmutter Amalie mit einem Transport im Jahr 1942 von Gelsenkirchen in den Osten deportiert wurde und im Ghetto von Warschau ohne Lebenszeichen verschwunden ist.  Diese dunkle Zeit der so genannten Shoah beziehungsweise dem Holocaust mit der Vernichtung der europäischen Juden traf auch fünf damalige Mitbürger in Holzheim, weiß Bamberger. Das bei seiner Recherche nicht nur offizielle Stellen sondern viel mehr engagierte deutsche BürgerInnen halfen, macht ihn optimistisch für die Zukunft. „Ich hatte keine Ahnung in den USA, wie viel engagierte Deutsche für die Bewahrung der jüdischen Geschichte tun.“ gibt er zu. Seine vier Kinder im Alter zwischen drei und neun Jahren, wie auch er und seine Familie sollen diesen Verfolgung, Hass und Mord zwischen Menschen als vergangenen Teil der menschlichen Geschichte nicht mehr erleben. Viel mehr setzt er sich in seiner Tätigkeit als Rechtsprofessor in seinen Vorlesungen vor den Studenten für ein sicheres und freiheitliches Rechts- und Politiksystem ein indem es keine Manipulation und Korruption gibt. Das alles sieht er als Grundlage für die Freiheit der Presse und der Rede. In der Nachbarschaft seiner jüdischen Gemeinde bei San Francisco existieren viele Gemeinden aus verschiedenen Konfessionen des Christentums und des Islam. Sie alle haben aber die Grundlage der amerikanischen Verfassung und Teilen als Grundlage die Werte des „American way of life“, sagt Bamberger und das im friedlichen Miteinander der Ethnien ist er dankbar. „Die Arbeit, die Hanno Müller in Steinbach und Helma Kilian in Gambach tun, ist von entscheidender Bedeutung bei der Erfüllung des Versprechens, dass die Lehre aus der Shoah nie vergessen werden darf  und dass wir nie wieder auf den Pfad einer solchen Brutalität und Hasses gehen.“  Informationen im Internet über die Familienbuch-Recherche von Hanno Müller findet man unter www.fambu-oberhessen.de.

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