Fotofreunde Hausen: Fake oder Realität, das ist die Frage

Faszinierende Welt von Gießener Ansichtskarten bot nicht immer die Realität

Fake-Bild von früher aus den Archiven mit Ansichtskarten von Dr. Werner Schmidt: Einmal unten das Original ohne Lok, und das gleiche Bild mit dort hinzu retuschierter Lok und Bahnhofsschild „GIESSEN“. Die Menschen auf dem Vorplatz blieben bei beiden Bildern im Original stehen. (Aus der Sammlung von Dr. Schmidt)

Fake-Bild von früher aus den Archiven mit Ansichtskarten von Dr. Werner Schmidt: Einmal unten das Original ohne Lok, und das gleiche Bild mit dort hinzu retuschierter Lok und Bahnhofsschild „GIESSEN“. Die Menschen auf dem Vorplatz blieben bei beiden Bildern im Original stehen. (Aus der Sammlung von Dr. Schmidt)

POHLHEIM (rg/rge/ger), Die Leidenschaft des Gießeners Dr. Werner Schmidt ist das Sammeln von Ansichtskarten aus vergangenen Zeiten. Rund 4.000 bebilderte Karten mit Fotos und Lithographien hat er inzwischen. Aber nicht immer bilden die meist bunten Karten den realen Blick auf das abgebildete ab, wie es sich den damaligen Zeitgenossen bot. Bei seinem reichlich bebilderten Vortrag als Gast der Fotogruppe Hausen bei ihrem monatlichen Fototreff unter dem Titel „Gießener Fotoansichten – spiegeln sie die Ansicht von Gießen wieder?“ hatte er am Montagabend dafür einige Beispiele aus den Jahren von 1892 bis 1965 mitgebracht, was die Retuscheure aus ästhetischen, werbetechnischen oder aus politischen Gründen verschwinden ließen aber auch hinzufügten. 60 Gäste waren in das Bürgerhaus nach Hausen gekommen, die Vorsitzender Helmut Rühl begrüßen konnte.  

 

Dr. Werner Schmidt beim Vortrag bei der Fotogruppe Hausen im Bürgerhaus

Dr. Werner Schmidt beim Vortrag bei der Fotogruppe Hausen im Bürgerhaus

Die ausgesuchten Bilder in Pohlheim waren ein Teil aus dem bereits in Gießen gehaltenen Vortrag „Gießener Ansichtskarten – spiegeln sie das Ansehen von Gießen wider?“. Er ging auf die Postkarte als damals viel genutztes günstiges Kommunikations- und Werbemittel ein. Die Darstellung von für die Menschen wichtigen Orten des alltäglichen Lebens aber auch von historischen Ereignissen war damals, wie heute beliebt, so Schmidt. Der Glaube an die objektive Darstellung wurde aber bei ihm als Betrachter beim näheren Vergleich mit Originalbildern teilweise in Frage gestellt. Wenn am Selterstor auf Höhe des heutige dort stehenden Karstadt-Kaufhauses sich Straßenbahnen auf zwei Gleisen begegneten, hatten die Fotobearbeiter Hand angelegt, denn es gab an dieser Stelle nur eine eingleisige Stelle, wie er mit einem anderen Foto belegte. Oder die Lokomotive vor dem Schild „GIESSEN“ am Bahnhof. Beide standen zum Zeitpunkt der Aufnahme dort nicht, wie der Vergleich mit dem vorliegenden Original verdeutlichte, ohne Lok und Bahnhofschild aber mit den gleichen Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz. So verschwanden manchmal Dinge und Gebäude oder wurden hinzugefügt, wie es dem Bearbeiter gefiel. Nach dem Krieg waren ehemals mit Hakenkreuz aus der Nazi-Zeit geschmückte Fahnen an Häusern auf den späteren Postkarten „ohne“ zu sehen oder das Kriegerdenkmal wurde einfach wegretuschiert. Beim ersten Blick sind diese Verfälschungen oft nicht zu erkennen, so Schmidt und zeigte anhand einer hinzugefügten Straßenbahn die Arbeit der Retuscheure, die in Zeiten der analogen Fotografie noch viel Arbeit damit hatten. Seine gezeigten Postkarten spiegelten trotz dieser gefundenen Eingriffe als Zeitdokumente ein sich ständig veränderndes Stadtbild von der Kaiserzeit über die Kriege mit der erlebten Zerstörung und dem folgenden Wiederaufbau und Wirtschaftswunder wieder. Auf jeden Fall sehenswert. Neben einigen Fragen der Fotoamateure an den Referenten gab es viel Applaus für ihn an diesem informativen Abend.

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